Rheinfront – ein belasteter Begriff?

Eine Erörterung von Uwe Lorenz

Seit jeher kennt man die Rheinfront, zumindest unter Weinkennern. Damit bezeichnet man traditonellerweise den Teil des heutigen Rheinhessens, der direkt am Rhein liegt und die Orte Nackenheim, Nierstein, Oppenheim und Dienheim umfasst. Dennoch wird es in dieser Gegend von manchen Menschen nicht gerne gesehen, wenn man von Rheinfront einerseits und rheinhessischem Hinterland andererseits spricht. Als Argument wird angeführt, dass Front ein militärischer Begriff sei, den man in der heutigen Zeit ja wohl nicht mehr benutzen wolle, und dass der Begriff Hinterland als Beleidigung anzusehen sei. Alternativ seien diese Begriffe mit Rheinterrasse und Hügelland zu ersetzen.

Geht man der Sache mal auf den Grund, so stellt sich heraus, dass die Argumentation zu kurz gedacht ist und gerade das Gegenteil dessen bezweckt, was sie wohl bezwecken soll.

Aber, ein Schritt nach dem anderen:

Das deutsche Wort Front hat, wie unschwer zu erkennen ist, seine Wurzeln im Lateinischen: frons, frontis bedeutet »Stirn«, »Vorderseite«, das entsprechende Adjektiv frontal bedeutet »vorn, an der Stirnseite befindlich, von vorn her«.
Aus der Buchherstellung bekannt ist der althergebrachte Begriff des Frontispiz, nämlich der Illustration auf der zweiten, das heißt, der dem Titel auf der dritten Seite gegenüberliegenden, Seite eines Buches. Frontispiz hat ebenfalls seine Wurzeln im Lateinischen, nämlich dem frontispicium von frons: 'Stirn' und spicere: 'schauen'. Dass diese Seite heutzutage nur noch selten eine Illustration zeigt, tut nichts zur Sache, denn die Seite heißt weiterhin Frontispiz-Seite.

Die erste militärische Bedeutung des Begriffes Front als Kriegsfront, das heißt der Grenze zum Gegner, der dem Feind zugekehrten Seite der Truppenaufstellung, entstammt dem Französischen und Italienischen. Es ist eine Entlehnung des 17. Jahrhunderts.
Erst mit dem Ersten Weltkrieg bezeichnete man in Deutschland mit Front die Gefechtslinie, die Kampfzone, den Ort der Feindberührung.
In der Meteorologie kennt man auch den Begriff der Front, er bezeichnet hier eine abrupten Grenze zwischen zwei Luftmassen.
Allgemein gebräuchlich ist der Begriff auch als Bezeichnung der Vorderseite von Sachen, zum Beispiel von Geräten, Möbelstücken, Häusern und Kraftfahrzeugen.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es einen allgemeinen und eine speziellen Gebrauch von Front gibt; gemeinsam ist allen Bedeutungen, dass sie etwas benennen, das sich vorne, an der Grenze zu etwas anderem befindet.

Wie steht es nun aus mit dem Landstrich entlang des Rheins südlich von Mainz, der sich Rheinfront nennt?
Zunächst lässt sich festhalten, dass die Rheinfront eine Topographie bezeichnet, die in diesem Abschnitt des Rheins eine Besonderheit darstellt: die Landmasse links des Rheins erhebt sich zu einer Höhe und fällt steil zum Rheinufer ab, während auf der gegenüberliegenden Rheinseite flaches Land liegt. Im Sinne der allgemeinen Bedeutung von Front befindet sich hier also die vorne, nämlich zum Rhein hin, liegende Grenze des rheinhessischen Beckens.

Bliebe noch zu klären, ob Front die speziellere militärische Bedeutung angenommen haben könnte. Aus den vergangenen Jahrhunderten ist dahingehend aber nichts ersichtlich, denn weder im Zweiten noch im Ersten Weltkrieg noch im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 befand sich hier die Kampflinie. Es kommt allenfalls die Zeit der französischen Besetzung nach der Französischen Revolution in Betracht, als französische Truppen bis zum Rhein vorstießen und den Rhein als natürliche Grenze der Französischen Republik zu den deutschen Nachbarn etablierten. Aber selbst in dieser Zeit befand in der Gegend von Oppenheim keine militärische Front, sie lag vielmehr fünfzehn Kilometer rheinabwärts bei Mainz, wo sich die französischen Truppen verschanzt hielten vor den Koalitionstruppen, die sich auf der rechtsrheinischen Seite zum Angriff sammelten (Gustavsburg).

Aus all diesem folgt: Dem Begriff Rheinfront lässt sich keine militärische Bedeutung anhängen, er ist mithin nicht – auch nicht im Sinne einer politischen Korrektheit – als belastet anzusehen.

Im übrigen ergibt sich aus dieser Einschätzung auch etwas zweites: Wenn die Rheinfront vorne zum Rhein liegt, dann es ist im Sinne einer geographischen Beschreibung auch nicht despektierlich, vom rheinhessischen Hinterland zu sprechen.

Wer also bei Rheinfront ans Militärische denkt, misst dem Begriff eine Bedeutung bei, die er nie und nimmer hatte, und tut damit genau das, was er verhindern will: Er öffnet dem Militärischen Tür und Tor (um es dann wieder des Hauses verweisen zu können!). Man malt den Teufel an die Wand, um ihn dann sofort mit Weihwasser zu vertreiben!

Die Argumentation der Gegner des Begriffs Rheinfront greift somit zu kurz.
Sie ist Ausdruck eines Gutmenschentum und erweist sich als ein Irrläufer der politischen Korrektheit.



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